das Buch:
Ewa Maria
Poradowska Werszler

ZAMÓW KSI¥¯KÊ

Im Kreis 
der Kunst von
Wanda Bibrowicz

Wroc³aw 2001

Vorwort



Auf den Spuren der schlesischen Weberei

Die Jugend
(1878 - 1896)



Der Weg führte über Breslau 
(1896 - 1911)



Die schlesischen Kunstweberei - werkstätten in Szklarska Porêba
(1911-1919)



Die Dresdner- Periode
(1920-1954)


Die Werkstätten auf Schloß Pilnitz
(1920-1939)


Die schwerigen Jahre
(1939-1954)



Die Kunst  über den Grenzen



Anmerkungen




Ewa Maria Poradowska Werszler - "Im Kreis der Kunst von Wanda Bibrowicz"    

 

Die schlesischen Kunstweberei-Werkstätten in Oberschreiberhau (Szklarska Porêba)
(1911-1919)

Im Herbst 1911 siedelte Wanda Bibrowicz nach Szklarska Porêba ins Riesengebirge. Hier richtete sie als reife 30-jährige Frau mit einer offenen Natur, aus der Güte und innere Wärme strahlten, für ihre engste Familie ein Haus voller Harmonie und Ruhe ein. Sie lud ihre künstlerisch begabte Schwester Hela und ihre geliebte Mutter, die bis zum Lebensende mit ihr blieb, zu sich ein. Das Leben der Künstlerin wurde ruhiger, da sie die Belastungen und den emotionellen, auf ihre persönliche Situation in der Breslauer-Periode zurückgehenden Zwiespalt, hinter sich ließ. Die Kontakte mit Max Wislicenus hat sie nicht abgebrochen, sie löste sich jedoch von seinen familiären Problemen und zum Teil auch von seinem künstlerischen Einfluß.

Der ständige Kontakt mit der Natur, mit den Bergen wurde neben der Webkunst ihre zweite Leidenschaft. Im Sommer genoß sie die üppig blühenden Pflanzen und die Farbenvielfalt der Natur. Sie beobachtete frei lebende Tiere und Vögel, mit ihnen fast einen Dialog eingehend. Im Winter fuhr sie oft Ski, das brachte die für ihre Arbeit nötige Ausdauer. Man nannte sie sogar die "Schneekönigin". Ihre Aufgeschlossenheit der Welt und Menschen gegenüber erlaubte ihr in kürzester Zeit, neue und interessante Freunde zu gewinnen, die in Szklarska Porêba eine Künstlerkolonie bildeten. Darunter ist in erster Linie der Dichter und Lyriker Carl Hauptmann zu nennen 19, der Bruder des Nobelpreisträgers mit seiner ersten Frau Martha; die Freundschaft mit ihnen hielt bis zum Tod der Künstlerin an.

Zu diesem Kreis gehörten auch der bekannte Ökonom Werner Sombart, der Poet und Philosoph Wilhelm Bölsche, dessen Tochter später kurz bei Wanda in Pillnitz arbeitete, der Schriftsteller und Kritiker Hermann Stehr, die Komponistin, Pianistin und Pädagogin Anna Theichmüller, die Musik für einige Gedichte von Carl Hauptmann schrieb und einen großen Einfluß auf seine Lyrik hatte. Die Künstler trafen sich relativ häufig im Haus der Hauptmanns, sie bildeten jedoch keine "Schule". Der Gedankenaustausch in diesem intellektuell und geistig anregenden Kreis ermöglichte neue Erlebnisse, die wiederum Impulse für die eigene Arbeit mit sich brachten, ohne jedoch in sie unmittelbar einzugreifen. Kurz nach dem Umzug nach Oberschreiberhau eröffnete Wanda eine eigene – für die damalige Zeit – moderne Webwerkstatt, die später den Namen "Schlesische Werkstätten der Kunstweberei" erhielt und damit zur Entwicklung der Webkunst in dieser Region beitrug.

In die Arbeit der Werkstatt in Szklarska Porêba investierte Wanda viel Einfühlungsvermögen, Energie und strebte ein hohes Niveau an, um an die in Breslau begonnene Arbeit anzuknüpfen. Zusammen mit Wanda kam auch die ausgebildete Weberin Grete Zeht nach Breslau, mit der sie die Arbeiten an den ersten Kunsttextilien begann. In kürzester Zeit bildete sie selbst zwei neue Weberinnen aus und organisierte neben der Werkstatt eine kleine Galerie an der Wilhelmstraße 590, die von Gästen und Touristen oft besucht wurde. Kunstkenner und -liebhaber konnten in der Galerie und in der angrenzenden Werkstatt, in der Wanda die Gobelins aus Kisten und Schränken hervorholte und vor den Gästen ausrollte, viel Zeit verbringen. Die Werke stellten Stilleben und idyllische Tierszenen dar, die nach ihren eigenen Entwürfen entstanden, z.B. schwarze Raben auf einem Schornstein vor dem Hintergrund eines feuerroten Abendlichts, von Katzen beobachtete rote Finken auf einem Tulpenbaum oder ein ängstlicher weißer Rabe auf einem gelben Baum neben seinen schwarzen Artgenossen.

Die gewebten Bilder waren farbenfroh gestaltet und mit subtilem Humor erfüllt. In den Werken findet man auch Motive aus Wandas neuer Bergheimat, zu der Szklarska Porêba für sie wurde und die sie für den gemütlichsten Ort auf Erden hielt. Umsäumt vom Riesengebirge gehörte für sie Szklarska Porêba zu den schönen Orten, sie fühlte sich hier wohl und sicher. Die Ruhe und innere Freude übertrug sie auf ihre Werke. Die Bewohner von Oberschreiberhau waren stolz auf die ihre "in der ganzen weiten Welt" 20 bekannte Künstlerin.

Carl Hauptmann war häufiger Gast in Wandas Galerie und Werkstatt. Er war ein Bewunderer ihrer Werke und schöpfte aus ihrer Atmosphäre Inspiration für seine Poesie. In seinen Memoiren schrieb er "Kunstkenner können in dem kleinen Salon in Oberschreiberhau und in der daran anschließenden, kleinen Werkstatt Stunde um Stunde verbringen und sich entzücken an Schätzen, die Fräulein Bibrowicz aus ihren heimlichen Schränken aufrollt". 21

In dieser Zeit erzielte die Künstlerin auch Erfolge im Ausland, man berichtete über sie in den wichtigsten deutschen Zeitungen, aber auch in Norwegen, Schweden, Holland. In der amerikanischen Presse erschienen Reproduktionen ihrer Gobelins. 22 Mit ihren Werken schmückte man den neuen Sitz der Breslauer Verwaltung und andere repräsentative Säle. Dies war für ihr Schaffen ohne Zweifel eine fruchtbare Zeit, die ihr darüber hinaus ein Selbstwertgefühl gab und ihr geistiges Leben anreicherte. Aus künstlerischer Sicht betrachtet war dies die Zeit der reifsten Werke.

In den Entwürfen und Werken waren bisher Tiere die Haupthelden. In Szklarska Porêba erweiterte die Künstlerin die Themenpalette, sie führte Blumenelemente und naturalistische dekorative Formen im Geist des Jugendstils in die Kunstwerke ein, um schließlich im Ratzeburger-Zyklus viel schwierigere technische und künstlerische Probleme zu beherrschen.

Am Anfang des 20. Jh. gab es nur wenige Kenner der Webkunst. Erworben und bevorzugt wurden eher billige Industrieprodukte, als daß man sich für einmalige aus authentischer individueller Imagination entstandene und hohe Handfertigkeit aufweisende Werke interessierte. Deswegen schrieb Carl Hauptmann mit Bedauern: "Freilich: wo man Glasperlen nicht von Rubinen unterscheiden kann, dort ist ein Handel mit Juwelen schwer möglich". 23

Unter Kunden allerdings beobachtete man ein fehlendes Interesse für das Kunsthandwerk, darunter auch für Kunsttextilien. Daher litten die Werkstätten unter erheblichen wirtschaftlichen Existenzproblemen. Große Aufträge staatlicher Institutionen wurden oft auf mehrere Jahre angesetzt, was keine Verdienstquelle ausmachen konnte. Um die Existenz einer Werkstatt zu sichern und eine Gruppe von ausgebildeten Weberinnen halten zu können, produzierte man auch Gebrauchstextilien, wie z.B. Handtaschen, Kissen, Decken und viele andere kleinere Objekte, deren Verkauf die Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse sicherte. Viele dieser Arbeiten konnten, wiedergefunden und dokumentiert, vor dem Vergessen gerettet werden, da sie den Charakter von Dokumenten besitzen. In der Werkstatt führte man auch unter Mitarbeit oder Aufsicht von Wanda Projekte von Max Wislicenus aus.

Häufige Gäste in der Werkstatt waren Wandas alte Freunde aus Breslau, unter ihnen auch Max Wislicenus, Professor Poelzig, der bekannte Bildhauer Theodor von Gosen und die Maler aus dem Riesengebirge Heinrich Tüpke und Alfred Nickisch. Die Zusammenkünfte mit herausragenden Persönlichkeiten stimulierten die Aktivität der Künstlerin und mobilisierten sie zu weiteren künstlerischen Explorationen. Es war allerdings eine Zeit, in der sich Wanda Bibrowicz hauptsächlich auf ihre eigenen Projekte konzentrierte. Neben interessanten kleinformatigen Textilien entstanden damals auch monumentale Gobelins. Diese Periode gehört zu den fruchtbarsten.

Das wichtigste Werk dieser Periode war der meisterhaft ausgeführte große Gobelin "Der Heilige Franz von Assisi", der den vor Vögeln predigenden Heiligen Franziskus zeigt. Die Komposition des Werkes wurde – ähnlich wie in den bereits erwähnten Arbeiten "Hasentanne" und "Eulenbaum" oder "Katzen" – um eine symmetrische Vertikalachse angeordnet, womit gleichzeitig der vertikale Charakter des Gobelins unterstrichen wurde. Die zentrale Gestalt der Komposition bildet der monumental dargestellte Heilige, der einem Felsen oder Baum ähnelnde demütige Gottesdiener. Barfuß in eine braune Kutte gekleidet, predigt er nicht nur für die Vögel, sondern auch für Fische und andere Tiere. Der Heilige Franziskus und Antonius scheinen eine Person zu bilden, die Himmel, Erde und Wasser symbolisieren und die Welt mit Liebe erfüllen. Nach der Legende war es der Heilige Antonius aus Padua, der vor Fischen predigte, Fische zu sich rief und sprach: "Kommet Fische, die Stimme des Herrn zu hören, da Menschen dessen nicht würdig sind". 24

Die kunstvolle Stilisierung der den Heiligen umgebenden Tiergestalten wie auch die von der Farbgebung erzeugte Stimmung verursachen, daß die Legende überzeugender wird. Aus dem Gobelin strahlt die schöne Melodie der Predigt des Mönches von Assisi, in deren Inhalt die Worte enthalten sind: "Vögel, meine Geschwister, sehr verbunden seid ihr Gott, eurem Schöpfer und sollt immer und allerorts sein Lob singen". 25 Wie die Schrift besagt, freuten sich die Vögel, indem sie ihre Flügel ausbreiteten, die Schnäbel öffneten und ins Hören versunken den Heiligen anschauten.Am Ende segnete sie der Heilige mit dem Zeichen des Kreuzes und erlaubte ihnen weiterzufliegen.

Die Farbgebung der Arbeit ist in Grau-, Braun- und warmen Grün- wie Ockertönen gehalten. Im Zentrum der Komposition dominiert ein tiefes Braun und vom Gewand des Heiligen fließt eine blaue Grauheit der Krone aufgewühlter Meereswellen herab. Darunter zeichnen Pelikane in Hellrosa und schneeweiße Gänse vor dem Hintergrund warmer Grün- und Ockertöne den Vordergrund der Komposition ab. Über ihnen erscheinen gelb-beige Brustwölbungen von Seehunden, die das tiefe Braun der zentralen Partie aufhellen. Über den blaugrauen Meereswellen, über Franziskus' Kopf erheben sich, die Komposition abschließend, leicht goldene und braune Vögel. Das Ganze wird von einer dekorativen Bordüre gesäumt. Das Werk strahlt die Kraft des Glaubens und die Freude des Lebens ebenso wie Gleichgewicht, Ruhe und Zeitlosigkeit aus. Signiert wurde es von der Autorin in der unteren Bordüre mit gewebten Buchstaben WB unter Angabe des Entstehungsjahres 1914. Noch im gleichen Jahr stellte man den Gobelin in Köln auf der vom Deutschen Künstlerbund organisierten großen Ausstellung "Deutsche Form im Kriegsjahr" vor.

Später gelangte der Gobelin in die Sammlung des berühmten Kunstmäzens Albert Neisser und seiner Frau Toni in eine Neorenaissance-Villa in Breslau. Über viele Jahre hinweg bildete er einen Hauptakzent der Bibliothek. Nach dem Tod der Eigentümer wurde die Villa 1918 samt Ausstattung und Kunstwerke – dem testamentarischen Wunsch der Familie Neisser folgend – vom Schlesischen Kunsthandwerk- und Altertummuseum, dessen Direktor der Archäologe und Historiker Karl Masner war, übernommen. Den Raum, in dem "Der Heilige Franziskus" auch weiterhin ausgestellt wurde, nannte man nun das "Kunstgewerbliche Zimmer"; 1925 erwarb der Museumsdirektor das Werk für die ständige Sammlung, die er nach eigenem Entwurf gestaltete. Wie zahlreiche andere Werke auch wurde der Gobelin von Wanda Bibrowicz nach der Bombardierung des Handwerkmuseums (der Neisser-Villa) während des Zweiten Weltkrieges zerstört und ist heute nur aus der Ikonographie bekannt.

1926 – in der Dresdener-Periode – webte die Künstlerin in den Pillnitzer-Werkstätten eine Replik dieser Arbeit. Die Komposition wurde mit einer Signatur in der unteren Bordüre ausgestattet. In der oberen linken Ecke wurde die Jahresangabe 1914 und in der oberen rechten das Jahr 1926 eingewebt. Heute befindet sich die Replik des Gobelins "Der Heilige Franziskus" in den Beständen des Museums für Kunsthandwerk in Pillnitz.

Eine zweite berühmte Arbeit war der Gobelin "Der Heilige Hieronimus", der in einer ähnlichen Konvention entworfen wurde und humoristische Akzente aufweist. Der legendäre Inhalt betrifft die Geschichte über die paradiesische Einheit zwischen Mensch und Tier. Es wurde jene Szene dargestellt, in der sich Löwen an den Heiligen Hieronimus in Erwartung seiner gütigen Reaktion anschmiegen. Die Behandlung der Tiergestalten ist deutlich realistisch. Durch die spezifische Farbgestaltung wurde ein Effekt der Dreidimensionalität erzielt.

1919 entstand der Gobelin "Friedensteppich" in einer sublimierten, warmen Farbkombination. Er stellt eine traurige, schneebedeckte Landschaft mit Grabhügeln und Kreuzen dar. Den Eindruck der Tiefe erzielt die Künstlerin durch eine entsprechende Zusammenstellung horizontaler Gliederungen. Hinter den Grabhügeln situiert sie einen schneebedeckten Wald, darüber am Horizont sieht man die Umrisse schneebedeckter Berggipfel, über den Himmel fliegen Engel mit Trompeten und huldigen den Gefallenen. Die gesamte Komposition umsäumt eine bemusterte Bordüre, in der die Künstlerin die Signatur WB und das Datum 1916 einwebte. Die Arbeit schmückte über viele Jahre hinweg das Gästezimmer im Haus von Carl Hauptmann in Szklarska Porêba. Leider ist sie seit dem Krieg verschollen und nur noch durch Fotografien bekannt.

Zum größten und hervorragendsten Werk ihres Lebens wurde der aus zwölf Teppichen bestehende Ratzeburger-Gobelin-Zyklus, der für das Kreishaus in Ratzeburg hergestellt worden ist.

Den Auftrag für diesen Zyklus erhielt die Künstlerin durch Vermittlung von Hans Poelzig als Dank und Anerkennung ihrer pädagogischen Arbeit in der Breslauer Königlichen Kunst- und Gewerbeschule in den Jahren 1904-1911 (ab 1911 Kunstakademie). Das Werk sollte den Großen Sitzungssaal im Kreishaus von Ratzeburg schmücken. Das Projekt sah die Dekoration des Innenraums mit einem Gobelinfries auf einer Fläche von 60qm oberhalb der Wandtäfelung aus dunkler Eiche an allen vier Wänden vor. Die Themen sollten die jeweiligen Kreise charakterisieren (Ratzeburg, Lauenburg und Mölln). An diesem Auftrag arbeitete die Künstlerin acht Jahre. Die bereits in Szklarska Porêba 1914 in Angriff genommene Arbeit beendete sie erst auf Schloß Pillnitz bei Dresden, wohin sie nach 1919 zog.

Am 14. Februar 1914 erhielt die Künstlerin vom Preußischen Kultus-, Kunst- und Bildungsminister die Nachricht, daß auf der Sitzung der Landeskulturkommission am 20. Januar 1914 die endgültige Entscheidung fiel, den Sitzungssaal mit von der Künstlerin entworfenen Gobelins zu schmücken. Der Vorschlag der Landeskulturkommission fand die volle Unterstützung des Preußischen Kultusministers, der die Auffassung vertrat, daß man dadurch zur Erneuerung einer in Vergessenheit geratenen Kunstart beitragen kann. Die Künstlerin nahm als Eigentümerin der Kunstweberei in Szklarska Porêba den Auftrag an. Am 27. Juni 1914 erhielt sie dann den offiziellen Auftrag. Am 8. Oktober 1914 vereinbarte man ein Honorar in Höhe von 35.000 Mark, am 14. April 1919 erhöhte man es inflationsbedingt auf 38.000 Mark. Der endgültige Wert der Arbeiten wurde am 10. November 1920 festgelegt und umfaßte Arbeits- und Materialkosten in Höhe von 44.000 Mark. Den erhaltenen Dokumenten ist allerdings nicht zu entnehmen, ob das Honorar nochmals erhöht worden ist. Bekannt ist nur, daß die Künstlerin nach dem Ende des Ersten Weltkriegs einen neuen Kostenplan vorlegte, in dem sie erneut die Inflation und die neue wirtschaftliche und finanzielle Lage berücksichtigte. Man kann davon ausgehen, daß für die Gobelins des Sitzungssaals nun 44.000 Mark gezahlt worden sind.

Max Wislicenus erinnert sich in seinen Schriften, daß Wanda Bibrowicz keinen finanziellen Erfolg erzielte. Das nominal hohe Honorar, das sie vom Staat für ihre Arbeit erhielt, wurde von der Inflation völlig entwertet. Befriedigung lieferte ihr nur das Interesse an ihrem Werk in Dänemark, Holland und Schweden.

Am 18. Januar 1922 erreichten die zwölf Gobelins Ratzeburg, unterwegs wurden sie noch im Kunsthandwerkmuseum in Berlin (1921) und im Museum Altona in Hamburg vorgestellt. Die räumliche Anordnung der Arbeiten in Ratzeburg verzögerte sich aufgrund der Renovierungsarbeiten im Ratzeburger Sitzungssaal. Schließlich wurde der Saal am 16. November 1922 feierlich eingeweiht und die Gobelins wurden ausgestellt. Als Ehrengäste trafen unter anderem ein: Präsident Kurbis, der bei dieser Gelegenheit erstmals den Kreis des Fürstentums Lauenburg besuchte, Oberregierungsrat Dr. Abegg, Vizepremier und Lübecker Bürgermeister Dr. Neumann, Landrat Nahmmacher aus Schönberg. Es erschienen auch Vertreter der Webwerkstätten aus Pillnitz, die Entwerferin und Autorin der Werke Wanda Bibrowicz selbst und Max Wislicenus. Über das Ereignis wurde in der Presse berichtet. Die im Ratzeburger Sitzungssaal des Rathauses erhaltenen Werke haben einen großen Wert und überdauerten glücklicherweise bis heute. Ihr Inhalt ist mit der frühesten Geschichte des Landes verbunden und ihre Ausführung macht sie auch heute noch für jeden lesbar. Die Arbeiten laden mit ihrem ikonographischen Programm zu Studien und zur wissenschaftlichen Beschäftigung aus geschichtlicher und kunstgeschichtlicher Perspektive ein, sie ermöglichen auch Schlüsse wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Art, können aber auch zur Rekonstruktion von Legenden und Fabeln inspirieren. Eine Abhandlung über die Werke von Wanda Bibrowicz stellt die Studie von Dr. Langenheim dar 26, aus der man die mit der Christianisierung der umliegenden Gebiete und ihrer Eingliederung in den deutschen Staat verbundenen historischen Personen erkennen kann.

An der zentralen Stelle der Stirnwand sind – auf dem großen mittleren Gobelin – der sächsische Fürst Heinrich der Löwe und drei neben ihm stehende Ritter abgebildet. In der Mitte sieht man den ersten Bischof von Lauenburg Evermodus, vor dem der erste Graf Ratzeburgs Heinrich von Baldwiede mit bittend gefalteten Händen kniet. Rechts neben einer würdigen Dame, vermutlich einer Fürstin, wird ein Wenede zur Taufe geführt. Die Personen sind unter einem ausladenden Baum angeordnet, der sich mit seinen Ästen zwischen den Gestalten rankt. Links und rechts von dieser Arbeit befinden sich zwei kleinere Teppiche, die einen Vögel fütternden Knappen oder Mönch darstellen, der Stimmen von Hasengesprächen lauscht. Der Gobelin-Zyklus wurde im Ton warmer Braun-, Grün-, Rot- und Goldtöne angefertigt. Jedes Objekt ist durch eine doppelte dekorative Bordüre abgeschlossen, in die Ahornblätter eingeflochten sind. Die Künstlerin signierte das Werk mit ihren Initialen WB und dem Datum 1918.

Die längste, den Fenstern gegenüberliegende Wand des Saals schmücken drei Gobelins, welche die vor einem Fluß bzw. einem See situierten Städte Ratzeburg, Lauenburg und Mölln und ihre charakteristischen Gebäude mit roten Backsteindächern darstellen. Ratzeburg, eine durch ihre blühende Landwirtschaft bekannte Stadt, wird auf dem Gobelin vor sommerlichen Getreidefeldern dargestellt. Im Vordergrund befinden sich auf Feldern arbeitende Bauern. Über ihnen erheben sich Vögel, in der Ferne, hinter dem Wasser, sieht man die charakteristischen Dächer alter Stadtgebäude. Das Ganze schließt, wie bei den übrigen Arbeiten, eine doppelte Bordüre mit Blattmotiven ab. In der linken oberen Ecke befindet sich das Stadtwappen. Die Arbeit ist mit WB signiert und mit 1917 datiert.

Der Lauenburger-Gobelin zeigt auf der linken Seite Fischer mit einem großen Korb voller Fische und auf der rechten Seite eine Bäuerin mit Kind, neben ihr ein weidendes Lamm. Auf dem Wasser schaukelt ein Segelboot. Darüber sind die Stadtgebäude sichtbar mit einem zentral angeordneten Kirchturm. Den Gobelin säumt eine doppelte Bordüre, mit dem Stadtwappen in der oberen linken Ecke. Der Teppich weist die Signatur WB und die Jahresangabe 1916 auf.

Die Komposition über Mölln stellt einen Hirten, der auf einer Flöte spielt, und weidende Kühe dar. In der Ferne erheben sich wilde Enten überm Wasser, am Horizont sehen wir die Stadtarchitektur mit einem hohen Kirchturm, der in die Bordüre hineinragt. Die Arbeit ist mit WB signiert und auf das Jahr 1917 datiert. Alle drei Gobelins haben die gleichen Maße (Länge 376cm, Breite 183cm).

Für die dem Präsidium gegenüberliegende Wand sind drei, eine Falkenjagd darstellende Teppiche angefertigt worden. Auf der linken Seite befindet sich eine Komposition, die einen Jungen, der erlegte Vögel auf ein Pferd legt, und aufgeregte Jagdhunde zeigt, ringsumher dehnt sich ein geheimnisvoller Wald aus. Die rechte Seite der Wand wird von einer Komposition gefüllt, auf der ein Mädchen, auf dessen Arm ein Falke sitzt, und ein junger Mann in Jägertracht zu sehen sind. Beide Gestalten reiten auf Pferden. Durch die in Bewegung dargestellten Pferde erzeugt die Szene einen äußerst dynamischen Eindruck. Beide Kompositionen schließen mit der gleichen Bordüre, die sie zu einer Einheit verbindet. Über der Saaltür befindet sich ein in Friesform gestalteter Gobelin mit dem Motiv fliegender Schwäne. Das ganze Ensemble besitzt eine Signatur (WB) und ein Datum 1918.

Auf den Wandstreifen zwischen den Fenstern befinden sich zwei kleinere Gobelins mit Wappen. Links das Wappen Sachsens mit vier zusätzlichen, entsprechende Namen aufweisenden Wappentafeln ausgestorbener Geschlechter. Rechts das Wappen des Ratzeburger Kreises mit vier Wappen adliger Familien, die wesentlichen Einfluß auf die Gestaltung der Landesgeschichte hatten.

In der Nische neben der Wand, die gegenüber dem Eingang liegt, ist eine "Bismarcksche Ecke" eingerichtet. Ein kleiner Gobelin stellt das Wappen des Fürsten dar. Unterhalb des Teppichs steht einer der um den großen ovalen Tisch gestellten 35 Stühle, dessen Benutzung "profanen" Menschen untersagt war, unter anderem aufgrund der teuren Lederpolsterung. Der Stuhl wurde von Bismarck benutzt, als er Abgeordneter im Kreisrat war.

In den zwölf Ratzeburger-Arbeiten zeigte die Künstlerin ihre Kraft und ihre Fähigkeit, ein zusammenhängendes Werk zu kreieren, das aus vielen thematisch unterschiedlichen Szenen besteht. Sie stellte Menschen und Tiergestalten gegenüber und verband sie mit einer stilisierten Ornamentik floraler Welt unter Anwendung leicht archaisierender Akzente, um sie dem Charakter der dargestellten Zeit anzupassen. Die Farbgebung der Arbeiten ist in warmen, lebendigen Tönen gehalten, überwiegend in braun, gelb und rot, jenen Farben also, die für ihr gesamtes Schaffen bezeichnend sind.

Die neben den Signaturen der einzelnen Werke eingewebten Jahresangaben zeigen, daß in den Schlesischen Werkstätten der Kunstweberei in Szklarska Porêba neun Gobelins entstanden sind. Die drei übrigen, welche Wappen verdienter Geschlechter abbilden, wurden in der Dresdener-Periode hergestellt, in den Werkstätten auf Schloß Pillnitz.

Dreißig Jahre später, 1953, sandte der neue Präsident des Ratzeburger Kreises eine Danksagung an die Künstlerin, für die Mühe, die sie in die Werke investierte, die nun zu den wertvollen Kunstschätzen Ratzeburgs gehören. Die Arbeiten selbst, die den Namen der polnischen Künstlerin Wanda Bibrowicz preisen, können heute im repräsentativen Sitzungssaal des alten Rathauses in Ratzeburg besichtigt und bewundert werden.